Die tatsächlichen Ursachen des „islamistischen Terrorismus“

Warum wir unser Verständnis von Terror grundlegend ändern müssen

28. Februar 2026, Minab, Süd-Iran. Mitten im Unterricht schlägt ein US-Marschflugkörper in die Shajareh-Tayyebeh-Grundschule ein. 120 Kinder sterben, die meisten zwischen sieben und zwölf Jahren. Präsident Trump erklärt, „Iran oder irgendjemand anderes“ sei wohl verantwortlich – doch schon die eigene Militäruntersuchung des Pentagon deutet auf einen amerikanischen Tomahawk hin. Mehr als 120 Tage später gibt es noch immer keine offizielle Aufklärung. Wenige Wochen danach droht Trump, das Land „in die Steinzeit zurückzubomben, wo es hingehört“ – eine „ganze Zivilisation“ werde „heute Nacht sterben, nie wieder zurückgebracht“. Aus Berlin, Paris und London: Distanzierung, aber keine Verurteilung. Der Westen bleibt seiner Linie treu. Gegner verurteilen, eigene Regelverletzungen rechtfertigen. (Amnesty International, 03.2026; CNN/Fact Check, 03.2026; The Independent, 06.2026)

Was bleibt, sind nicht nur Trauer und Trümmer. In einer Region, die seit Jahrzehnten genau dieses Muster erlebt – Besatzung, Bombardierung, toter ziviler Widerstand gegen die eigene Auslöschung –, wächst eine Generation heran, für die der Westen kein abstrakter Begriff mehr ist, sondern der Marschflugkörper, der die eigene Schule traf. Genau aus diesem Nährboden, nicht aus Religion oder Ideologie, erwächst der Widerstand, den man später Terror nennt. Die Generation, die das erlebt, kennt keine andere Sprache mehr als die, die man ihr beigebracht hat.


Verhalten folgt Umständen – nicht Charakter

Ist das auch wirklich so? In Filmen und Serien ist die Geschichte klar: Ein islamistischer Terrorist will anderen Menschen Schaden zufügen. Ein radikaler Prediger verführt junge Männer, instrumentalisiert die Religion, treibt sie in den Tod. Der islamistische Terrorist als Person tiefen Hasses, als Produkt religiöser Indoktrination. Dieses Bild ist tief im westlichen Bewusstsein verankert – und es ist, in seinen Grundzügen, falsch. Der Kontext wird ausgeblendet, die Motivation marginalisiert.

Dieser Text handelt vom islamistischen Terrorismus im Besonderen – nicht, weil er die einzige Form ist, die aus Besatzung und Unterdrückung erwächst (IRA, ETA und andere zeigen dasselbe Muster), sondern weil kein anderer Strang so systematisch mit westlicher Destabilisierungspolitik verflochten ist, und weil kein anderes Feindbild den öffentlichen Diskurs der letzten 25 Jahre so geprägt hat.

Tatsächlich sind die beiden Grundannahmen, auf denen dieser Text beruht, keine steilen Thesen, sondern zwei der am besten abgesicherten Befunde der Sozialpsychologie. Erstens: Die Situation ist der weitaus stärkere Prädiktor für Verhalten als die Persönlichkeit. Oder anders: Die Umstände sind für das Verhalten des einzelnen maßgeblich. Zweitens: Menschen neigen dennoch systematisch dazu, Verhalten fälschlich der Persönlichkeit, statt der Situation zuzuschreiben. Dieser fundamentale Attributionsfehler wurde über Jahrzehnte in Hunderten von Studien bestätigt. (Ross, 1977; Milgram, 1974; Zimbardo, 2007)

Auch die Terrorismusforschung bestätigt das in ihrem wichtigsten Einzelbefund: Ein psychologisches Profil des typischen Terroristen lässt sich nicht zeichnen. Strukturelle Bedingungen – fehlende Rechtsstaatlichkeit, Besatzung, politische Ausgrenzung – gelten als notwendige Vorbedingungen, auf denen einzelne Auslöser erst wirken können. (U.S. Department of Justice, Psychology of Terrorism, 1999; Ross, Structural Causes of Oppositional Political Terrorism, 1993)

Robert Pape hat an der Universität Chicago Tausende Selbstmordattentate ausgewertet. Sein Befund: Der stärkste Prädiktor für terroristische Gewalt ist nicht religiöse Zugehörigkeit – sondern militärische Besatzung. Die Religion kommt später, als Mobilisierungswerkzeug in einem bereits verwüsteten Nährboden. Persönlichkeit und Religion sind nicht die Ursache. Die Ursache sind die Umstände, die Religion zur einzigen verbliebenen Ankerfunktion machen. (Pape, Dying to Win, 2005)


Wie der Westen Terror erschafft

Der heutige Wohlstand des Westens ist kein Naturzustand. Er ist das Ergebnis von Jahrhunderten kolonialer Ausbeutung – Rohstoffe, Arbeitskraft, Territorium, angeeignet durch Gewalt und gesichert durch Unterdrückung. Was sich seither geändert hat, ist die Form, nicht die Substanz. (Pomeranz, zit. n. Human Act, 2025)

Seit 1945 haben die USA laut Congressional Research Service über 300 militärische Einsätze im Ausland durchgeführt – eine nichtparteiische, öffentlich zugängliche Aufstellung, die eher untertreibt als übertreibt: verdeckte CIA-Operationen zählt der Bericht explizit nicht mit. (Congressional Research Service, R42738)

Sieben Jahrzehnte CIA-Geschichte im Nahen Osten zeigen ein wiederkehrendes Muster: Subversion und militärische Einflussnahme erzeugen gezielt Chaos – ein Machtvakuum lässt sich leichter im eigenen Interesse gestalten als ein stabiler, souveräner Staat. Divide et impera, neu aufgelegt. Doch das Vakuum entzieht sich oft der eigenen Kontrolle. Die Allgemeinheit hat das Nachsehen. Aus Zerstörung, Leid und Chaos erwächst bewaffneter Widerstand – nicht, weil er gewollt war, sondern weil er die Folge des gewollten Chaos ist. (Ceyhun, CEJISS, 2012)

Iran, 1953: Der demokratisch gewählte Premier Mossadegh wird gestürzt, nachdem er die Anglo-Iranian Oil Company verstaatlicht hat – eine Operation, die laut eigenen CIA-Akten als Vorlage für künftige verdeckte Operationen weltweit diente. (National Security Archive, GWU, 2013; BBC, 2013)

1954 stürzte der CIA-Putsch in Guatemala die demokratisch gewählte Regierung Arbenz und leitete eine Phase jahrzehntelanger militärischer Repression ein, die laut der guatemaltekischen Wahrheitskommission rund 200.000 Menschenleben forderte. Freiheitliche Werte gelten nur, solange sie den eigenen Interessen nicht im Wege stehen. Weltpolitik ist knallharte, selbstgerichtete Interessenspolitik. (Comisión para el Esclarecimiento Histórico, 1999)

Zehn Jahre später wiederholt sich das Muster im Irak: 1963 unterstützt die CIA den Sturz Qasims und liefert der Baath-Partei Namen irakischer Kommunisten, die daraufhin ermordet werden. (National Security Archive, 2013; State Department Office of the Historian, 2017)

Knapp ein Jahrzehnt später, zwischen 1972 und 1975, bewaffnen die USA und Israel im Auftrag des Schahs kurdische Rebellen mit 16 Millionen Dollar, um den Irak in einem Grenzkonflikt zu schwächen – und lassen sie fallen, sobald sich Iran und Irak 1975 einigen. Kissinger dazu vor dem Pike-Committee des Repräsentantenhauses: „Verdeckte Operationen sollten nicht mit Missionsarbeit verwechselt werden.“ Das Komitee selbst kam zu dem Schluss: „Auch im Rahmen verdeckter Operationen war unser Vorgehen zynisch.“ Tausende Kurden starben, 200.000 wurden zu Flüchtlingen. (Pike Committee Report, 1975/1976; CSMonitor, 1996)

Fast zeitgleich beginnt in Afghanistan, aus Sorge vor sowjetischem Einfluss, die verdeckte Finanzierung islamisch-fundamentalistischer Rebellen – rund drei Milliarden Dollar zwischen 1981 und 1991, der direkte Vorläufer der Taliban. Lawrence Wilkerson, von 2002 bis 2005 Stabschef von Außenminister Colin Powell, bringt die Kausalität als Insider auf den Punkt: „Es gibt eine direkte Linie zwischen unserer Unterstützung der Mudschaheddin – dem Training und der Bewaffnung von al-Qaida in Afghanistan insbesondere – und dem 11. September.“ (Eurasia Review, 09.2015)

Das Muster setzt sich fort: 2003 gibt es vor der Invasion des Irak keinen nennenswerten Dschihadismus – danach entsteht der IS. (Washington Institute, 2024; Britannica)

2012 stellt ein freigegebenes Memo der Defense Intelligence Agency fest, dass Salafisten und al-Qaida-nahe Kräfte die treibenden Kräfte des syrischen Aufstands seien — unterstützt von Westen, Golfstaaten und der Türkei; das Entstehen eines islamistischen Herrschaftsgebiets in Ostsyrien sei „genau das, was die unterstützenden Mächte der Opposition wollen“, um das Regime zu isolieren. Michael Flynn, zu dieser Zeit ranghoher DIA-Offizier und später Direktor der Behörde, bestätigte 2015 öffentlich, er habe dem Bericht „sehr genaue Aufmerksamkeit“ geschenkt — die Entwicklung sei eine „willful decision“ der Regierung gewesen, keine unbeabsichtigte Folge. (DIA, 2012; Flynn, 2015)

Und 2021 hinterlässt der überstürzte Abzug aus Afghanistan erneut ein Machtvakuum, in dem sich ISIS-K ausbreitet. (Congressional Research Service, 2011; SIGAR, 2021; DIA Intelligence Information Report, 08.2012, deklassifiziert)

Diese Interventionen finden bis heute statt, die aufgeführte Liste ist mit Sicherheit nicht vollständig. Das Chaos, das dabei entsteht, ist keine unglückliche Nebenfolge – es ist Kalkül. Ein destabilisierter Staat hinterlässt ein Machtvakuum, und ein Vakuum lässt sich füllen: mit gefügigen Regierungen, mit eigenen Interessen, mit neuer Kontrolle.


Das Framing entscheidet

Chaos erzeugt Unruhen und Gewalt, Unterdrückung erzeugt Widerstand – und im westlichen Diskurs wird genau das als Terrorismus geframt. Damit bedient man sich eines alten Mechanismus. Der eingangs genannte Attributionsfehler lässt sich nämlich politisch nutzen. Wenn das Verhalten der Persönlichkeit statt der Situation zugeschrieben wird, dann lässt sich Gewalt leichter als charakterliche Bösartigkeit framen, nicht als Reaktion auf Umstände.

Sitting Bull wurde zum Staatsfeind erklärt, bekämpft, schließlich getötet. Heute ehrt ihn dieselbe Kultur, die ihn einst jagte, als Symbol legitimen Widerstands. Nelson Mandela und der ANC standen bis 2008 auf der offiziellen US-Terrorliste – vierzehn Jahre, nachdem Mandela Präsident Südafrikas geworden war. Der französische Widerstand gegen die deutsche Besatzung wird bis heute als heldenhaft geehrt. Auch etablierte westliche Demokratien bedienen sich desselben Mechanismus nach innen: Die IRA in Nordirland galt über Jahrzehnte als Terrororganisation, bis das Karfreitagsabkommen 1998 aus ihr einen Verhandlungspartner machte – ihr politischer Arm Sinn Féin ist heute Teil der demokratischen Regierung Nordirlands. Die baskische ETA folgte demselben Muster. (US Interior Department certification, 01.02.1876; American Battlefield Trust; US State Department Terrorist Designation Archive, 2008)

Das Völkerrecht selbst hilft bei dieser Bewertung nicht – es ist an dieser Stelle widersprüchlich. Widerstand gegen eine überlegene Macht ist von Natur aus asymmetrisch. Wer keine Armee, keine Luftwaffe, keine Panzer hat, kämpft nicht mit den Mitteln, die er wählt, sondern mit denen, die ihm bleiben – Guerillataktik, Sabotage, unkonventionelle Gewalt gegen eine konventionell überlegene Streitmacht. Genau das beschreibt die militärwissenschaftliche Definition asymmetrischer Kriegsführung: Der amerikanische Unabhängigkeitskrieg, der französische Widerstand, die afghanischen Mudschaheddin gegen die Sowjets – in jedem Fall bestimmte die Unterlegenheit die Form des Kampfes, nicht der Wille der Kämpfenden. (Cornell International Law Journal, 2004; OHCHR, 2001; Brill, Self-Determination and Terrorism, 2023; Britannica, Asymmetrical Warfare; PolSci Institute, 2026)

Die Einordnung von Widerstand als Terror ist somit keine juristische Kategorie, sondern Machtpolitik – sie wird revidiert, sobald sich die politische Konstellation ändert. Keiner der Genannten wurde von den eigenen Leuten je ‚Terrorist‘ genannt – das Wort ist durchgehend Fremdbezeichnung, nie Selbstbeschreibung. Es beschreibt nicht, was jemand tut, sondern wie die Macht es nennt. Der Unterschied zwischen „Freiheitskämpfer“ und „Terrorist“ liegt nicht in der Methode – er liegt darin, wer die Deutungshoheit hat.

Genau dieses Muster trifft auf Netanyahus Jonathan-Institut zu: 1979 gegründet, benannt nach seinem bei der Entebbe-Razzia gefallenen Bruder. 1984 organisierte er in Washington eine internationale Konferenz mit Außenminister Shultz, UN-Botschafterin Kirkpatrick und dem Orientalisten Bernard Lewis als Panel-Vorsitzendem für „Terrorism and the Islamic World“. Shultz bestätigte später, Netanyahus öffentliche Tätigkeit habe die amerikanische Terrorismuspolitik entscheidend geprägt. Parallel fand eine nicht-öffentliche Hasbara-Konferenz statt, auf der Medienfachleute gezielt Strategien entwickelten, wie kritische Berichterstattung unterbunden werden könnte. (Reagan Library, SMOF Jenkins Files; Shultz, Turmoil and Triumph, 1993; MintPress News, 31.10.2024)


Die Erzeugung des Terrors

Framing allein wäre nur das altbekannte Spiel der Macht – das gilt, wie gezeigt, für alle politischen Akteure. Auch die bereits aufgeführte gezielte Förderung von Terrorgruppen ist lang angewandte Praxis: Die USA bewaffneten die Mudschaheddin gegen die Sowjets, die Contras gegen die Sandinisten, Syriens Opposition gegen Assad – Instrumentalisierung eines Akteurs gegen einen Dritten. (National Security Directive 17, 1981; State Department Office of the Historian)

Netanyahu geht einen Schritt weiter: 2018 schrieb er persönlich an die katarische Führung, um eine weitere große Geldspritze für Hamas zu erwirken. Katar transferierte daraufhin monatlich 30 Millionen Dollar nach Gaza, mit israelischer Billigung. Er fördert nicht einen Akteur gegen einen fremden Gegner. Er fördert den eigenen Feind – gegen den eigenen Staat und die eigene Bevölkerung, um damit die eigenen Ziele zu erreichen, eigenes koloniales Vorgehen zu rechtfertigen. Das ist gezielte Erzeugung – ein altes Prinzip der Macht, angewendet in seiner extremsten Form: nicht Waffen an einen Verbündeten gegen einen Dritten, sondern Geld an den eigenen Todfeind, kalkuliert und wissentlich. (New York Times, 2024)

Politikwissenschaftler kennen dieses Prinzip als „Strategy of Tension“: gezielt geschürte Gewalt, die in der Bevölkerung ein Sicherheitsbedürfnis erzeugt, das Wandel und Kritik verdrängt. Am bekanntesten dokumentiert im Italien der 1970er Jahre, wo Geheimdienste Gewalt förderten, um linke Reformbewegungen zu delegitimieren. Ein ehemaliger israelischer Luftwaffengeneral brachte es 2007 auf den Punkt, später durch WikiLeaks öffentlich: „Israel würde sich freuen, wenn Hamas Gaza übernimmt, weil die IDF Gaza dann als feindlichen Staat behandeln könnte.“ Auch Israels eigener Inlandsgeheimdienst Shin Bet bestätigte 2025 selbst: Diese Finanzierung ermöglichte den Angriff vom 7. Oktober mit. (Wikipedia/Strategy of Tension; Weird Italy, 2025; Middlebury Institute, 2024; Ynet/Shin Bet, 2025; New York Times, 2024; WikiLeaks/Yadlin, 2010; Smotrich-Interview, 2015)


Was wir wirklich tun sollten

Der islamistische Terrorismus ist real. Seine Opfer sind real. Aber die Geschichte, die uns über seine Ursachen erzählt wird, ist es nicht. Insbesondere der islamistische Terror ist die Folge westlicher Politik – und nicht selten sogar das Ergebnis gezielter Förderung. Wer den Widerstand als Terror framt, bekämpft am Ende nur Symptome. Wenn wir uns permanent bedroht fühlen und wirklich etwas gegen den islamistischen Terrorismus machen wollen, dann müssen die Menschen in westlichen Gesellschaften das eigene Verhalten grundlegend überdenken.

Zerstörung, Destabilisierung, Framing – wie daraus der Terror wird, den der Westen später bekämpft: „Verzerrte Wirklichkeiterklärt den Mechanismus.