Warum steigende Ungleichheit kein Schicksal ist, sondern eine Entscheidung
„You could double the taxes I pay, and it’s not gonna help that nurse in Queens. I promise you.“ Das sagte Jeff Bezos — live zugeschaltet von seiner privaten Raketenbasis in Merritt Island, Florida. Im Hintergrund: Raketen, die ins All fliegen sollen. Im Vordergrund: Ratschläge für die Krankenschwester in Queens.
Dennoch hat er recht damit – er versteht nur nicht, was es für ihn selbst bedeutet: dass ihn das eines Tages alles nehmen wird.
Wer tatsächlich entscheidet
Seit Jahren nehmen Eliten Einfluss auf die Politik. So viel ist jedem klar. Tatsächlich ist ihr Einfluss inzwischen so stark, dass Abgeordnete kaum noch frei entscheiden können und wollen.
Daneben wirkt, was man als strukturelle Machtkontinuität bezeichnen kann – Behörden, Geheimdienste, Ministerien und privatwirtschaftliche Netzwerke, die Legislaturperioden überdauern, Macht akkumulieren und gleichgerichtete Interessen verfolgen. Sie müssen sich nicht absprechen – ihre Ziele konvergieren strukturell. Ihr Einfluss ist nicht konspirativer, sondern systemischer Natur. (Hall & Deardorff, American Political Science Review, 2006; Sklair, Annals of the American Academy, 2002)
Es entsteht eine Ordnung, in der Geburt und Kapital mehr entscheiden als Leistung oder politische Teilhabe. Gesellschaftspolitische Entscheidungen fallen zunehmend zugunsten dieser einflussreichen Gruppen aus. Gilens und Page haben in einer vielzitierten Analyse nachgewiesen: Die Präferenzen des durchschnittlichen Amerikaners haben nahezu keinen Einfluss auf die öffentliche Politik. Entscheidend ist, was Eliten und organisierte Interessengruppen wollen. Politik wird zum Theater, um dem Volk Freiheit vorzugaukeln. (Gilens & Page, Perspectives on Politics, 2014; Acemoglu & Robinson, Why Nations Fail, 2012)
Wer die Rechnung zahlt
Die Steuerlast wird von der Bevölkerung getragen, während Eliten und Großunternehmen ihre Zahlungen optimieren. Konzerne verlagern Aktivitäten in Steuerparadiese, verschieben Gewinne, täuschen Ausgaben vor. Die Wirtschaftslobby nimmt massiven Einfluss auf die Steuergesetzgebung – zu ihren Gunsten. (Cobham, Tax Justice Network, 2020; Tørsløv, Wier & Zucman, NBER, 2018)
In den USA halten die reichsten ein Prozent über 35 Prozent des Haushaltsvermögens. In Europa besitzen die reichsten ein Prozent mehr als 20 Prozent. Das Establishment weist Kritik daran zurück – die Bedingungen erweisen sich für sie als zweckmäßig. Bezos selbst zahlte zwischen 2006 und 2018 bei einem Vermögenszuwachs von schätzungsweise 127 Milliarden Dollar einen effektiven Bundessteuersatz von rund einem Prozent. 2007 und 2011 zahlte er gar keine Bundeseinkommensteuer. (ProPublica, 2021)
Was das mit uns macht
Wenn die Verteilung der Gelder zugunsten der Lobby ausfällt, dann geht das auf Kosten der Allgemeinheit. Bildung, Soziales und Infrastruktur haben Nachrang, weil sie wirtschaftlichen Zielen im Weg stehen. Kürzungen in genau diesen Bereichen werden zur Finanzierung der wirtschaftlichen Lobby herangezogen. Trotz defizitärer Staatshaushalte stehen Gelder zur Rettung symbolträchtiger Konzerne und zur Aufrüstung des Militärs unmittelbar zur Verfügung. (Campos & Giovannoni, Public Choice, 2007; Gilens, Public Opinion Quarterly, 2005)
Die Mittelschicht verliert an Einfluss, Einkommensschwache kommen zu kurz. Sinkende Bildungsqualität, abnehmende soziale Unterstützung, verschlechterte Lebensbedingungen. Die demokratische Ordnung verliert an Relevanz – zu Recht, denn sie nützt nur noch einem kleinen Teil. Rufe nach Autorität werden lauter. Demokratiefeindliche Ansichten werden populärer. Demagogen wie Trump, Orbán und Le Pen nutzen diese Situation und die Ängste der Bevölkerung gezielt aus. (Norris & Inglehart, Cultural Backlash, 2019; Foa & Mounk, Journal of Democracy, 2016)
Das Resultat: Eliten verlieren das Vertrauen in die Masse, während die Masse das Vertrauen in die Institutionen verliert. Die Demokratie erodiert: Demokratische Systeme sind weltweit rückläufig. (EIU, Democracy Index 2024)
Das Gefangenendilemma der Eliten
Hier liegt der eigentliche Irrsinn. Wer auf Lobbyarbeit verzichtet, gibt politisches Terrain ab. Wer Steuervermeidung ablehnt, verliert im Wettbewerb. Das System belohnt Defektion und bestraft Kooperation. Jede einzelne Elite handelt rational. Das kollektive Ergebnis ist selbstschädigend – ein klassisches Gefangenendilemma. Denn letztlich verliert jeder von ihnen.
Die Gesellschaft ist das Fundament, auf dem der Reichtum der Eliten selbst ruht. Gesellschaftliche Ordnung. Rechtssicherheit. Konsumkraft. Soziale Infrastruktur. Vertrauen in Institutionen. All das ist nicht selbstverständlich – es ist das Ergebnis funktionierender Demokratien. Wer es systematisch unterhöhlt, sägt an dem Ast, auf dem er sitzt.
Ein Dilemma, das der eigene Kontostand schnell auflösen könnte. Das passiert aber nicht, weil das System genau gegenläufiges Denken reproduziert. Jahrzehntelange Einbettung in Netzwerke, in denen Steueroptimierung normal, politischer Einfluss eine Ressource wie jede andere und Umverteilung eine naive Idee ist, formt den Verstand. Die gesellschaftliche Spaltung verstärkt die Solidaritätsreduktion: Empathieerosion, Statusnormalisierung, moralische Entkopplung. Das Modell wirkt auf alle – auch auf diejenigen, die glauben, über dem System zu stehen.
Das Ergebnis: Eliten ziehen die Macht an sich und treffen Entscheidungen, die sie langfristig gefährden. Und niemand hält sie auf – weil das System genau dafür gebaut wurde.
Die Tragik der Allgemeinheit
Durch die kapitalistische Ordnung blicken die Bürger tendenziell bewundernd nach oben. Aufgrund des Erfolgs des Establishments und der Eliten werden deren Ideologien als zielführend angesehen. Ihnen wird im politischen Diskurs oftmals mehr Gehör geschenkt – es besteht sogenannte Cultural Hegemony. Für Vorschläge, dass Reiche durch höhere Steuern zur Solidarität gezwungen werden sollen, kommen immer die gleichen vermeintlich überzeugenden Bedenken: Die Eliten flüchten. Als würden Reiche nach Jahrzehnten der Etablierung plötzlich die Zelte abbrechen. Großangelegte Studien bestätigen: Steuerbedingte Abwanderung von Vermögenden ist statistisch kaum nachweisbar. (Enste & Hülskamp, IW-Trends, 2006)
Stattdessen lässt sich eine desinteressierte Mehrheit auf Nebenkriegsschauplätze führen – Migration, nationale Identität, vermeintliche „Sozialschmarotzer“ – während eine politisch engagierte Elite ihre wirtschaftlichen und politischen Ziele ungestört durchsetzt. Garrett Hardin nannte das Prinzip bereits 1968: „The Tragedy of the Commons“ – wenn individuelle Rationalität über kollektives Interesse siegt, zerstört das Ergebnis genau die Grundlage, von der alle profitieren. (Hardin, Science, 1968; Gilens, Public Opinion Quarterly, 2005)
Das ist keine Verschwörung. Es ist ein Mechanismus.
Bezos hat recht: Eine Verdopplung seiner Steuern hilft der Krankenschwester in Queens nicht, solange das politische System ihre Interessen systematisch ignoriert. Aber er benennt das Symptom und verschweigt die Ursache. Denn er ist Teil des Mechanismus, der dafür sorgt, dass es so bleibt. Und der ihn eines Tages mit in den Abgrund zieht.
Das ist das eigentliche Problem. Nicht böse Eliten. Ein System, das alle formt – und das sich selbst zerstört, solange es nicht verstanden wird.
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