Der Neokolonialismus des Westens

Ein kanadischer Premierminister nennt es in Davos beim Namen: Die Geschichte von der regelbasierten Weltordnung war eine nützliche Fiktion.

Davos, 20. Januar 2026. Mark Carney, kanadischer Premierminister, zitiert in seiner Rede beim Weltwirtschaftsforum den berüchtigten Satz: „Die Starken tun, was sie können, die Schwachen erleiden, was sie müssen.“ Er nennt das grausame Prinzip beim Namen – und weist es zugleich als Ausrede zurück. Er räumt ein, was in autoritären Staatsmedien seit Jahrzehnten als Propaganda abgetan wird: Die Erzählung von der regelbasierten Ordnung sei falsch gewesen – die Stärksten hätten sich ausgenommen, wenn es ihnen passte, Handelsregeln seien asymmetrisch durchgesetzt worden, Völkerrecht abhängig von der Identität von Angeklagtem und Opfer unterschiedlich streng angewendet worden. Diese Fiktion, so Carney wörtlich, sei schlicht „nützlich“ gewesen. Eine neutrale Ordnung war sie nie. Sie war ein Interesse, das sich als Ordnung ausgab. (Prime Minister of Canada, Redetranskript, 20.01.2026; Cicero Online, 23.01.2026)


Institutionen des Selbstbetrugs

Seit achtzig Jahren dasselbe Vorgehen: ein Feindbild schaffen und den Feind anklagen. Der Westen versteht sich dabei als moralisch überlegen – spätestens der Zerfall des Ostblocks gilt als Beweis, dass die eigenen Werte, die eigene Lebensweise das Richtige seien. Freie Presse, freie Marktwirtschaft, demokratisch gewählte Regierungen galten fortan als Garanten objektiver, unverzerrter Information. Generationen wuchsen mit diesem Narrativ auf, verstärkt durch Bücher, Fernsehen, Filme – bis das Selbstbild tiefer sitzt als jede politische Überzeugung. Die Realität ist eine andere. Das zeigt sich nicht nur innerhalb der Gesellschaften an wachsender Ungleichheit – es zeigt sich an einer Außenpolitik, die alles andere als freiheitlich ist. (Fukuyama, 1992; Herman & Chomsky, 1988; Chancel et al., 2021)

Über 300 US-Militärinterventionen seit Kriegsende, darunter allein 64 verdeckte Regime-Change-Operationen im Kalten Krieg – Korea, Vietnam, seit den 1950er Jahren durchgehend Lateinamerika, seit den 1970er Jahren zunehmend der Nahe Osten. Je nach Zählweise kommen weitere Studien auf bis zu 400 Interventionen. Getragen wird diese Dauerpräsenz von einem Netz aus mindestens 128 offiziell deklarierten Militärbasen in 49 Ländern – Politikwissenschaftler zählen, je nach Definition, bis zu 750 bis 800 Einrichtungen weltweit. (Toft & Kushi, 2023; O’Rourke, 2018; Vine et al., Quincy Institute, 2021; Congress.gov CRS R42738,)

Diese Interventionen und Kriege liefen stets unter wechselnden Vorwänden ab: erst Eindämmung des Kommunismus, dann Kampf gegen den Terror, heute Systemwettbewerb mit China. Der Vorwand „Sicherung von Demokratie“ verdeckt die eigentliche Intention: Machterhalt. (Mearsheimer, 2001)

Das ist keine Absage an die Institution. Demokratie und Freiheitsrechte sind nicht das Problem – sie sind, richtig verstanden, ein Schutzversprechen für den Einzelnen gegenüber Machtmissbrauch. Das Problem ist, dass dieses Versprechen nur eingelöst wird, wenn Bildung und soziale Einbettung das dahinterliegende Verhalten tatsächlich verändern. Genau das leisten westliche Gesellschaften strukturell nicht. (Putnam, 2000)

Auf der einen Seite wächst der Lobbyeinfluss auf den Gesetzgebungsprozess so stark an, dass gewählte Vertreter kaum noch frei entscheiden können, ohne um die eigene Karriere zu fürchten. Es entsteht ein de facto minderheitsbestimmtes System, bei dem Eliten ihre globalen Interessen durchsetzen können und die Außenpolitik beeinflussen. Auf der anderen Seite ist die Bevölkerung bereit, wegzuschauen – nicht primär aus kühler Interessenkalkulation, sondern weil das eigene Selbstbild zu tief verankert ist, um es infrage zu stellen. Die meisten Menschen wollen schlicht ihr Leben leben und möglichst genießen; Außenpolitik bleibt abstrakt, das eigene Wohlergehen konkret. Das war in Rom nicht anders: Historiker führen den Niedergang der Republik maßgeblich darauf zurück, dass die politische und militärische Elite fast durchgehende Kriege primär zur eigenen Bereicherung und zum eigenen Machterhalt führte, während die aggressive Außenpolitik zugleich innere Verteilungskonflikte überdeckte. (Gilens & Page, 2014; Jost et al., 2004; Harris, 1979; Harris, 2016).

Im Kontext des bestehenden Selbstbildes und dieses Selbstbetruges wird das eigene Handeln nicht infrage gestellt. Schlimmer noch: Der Westen spielt sich als Lehrmeister auf. Unverblümt werden autoritäre Staaten öffentlich gemaßregelt, mit Sanktionen bedroht – die eigenen interessengegetriebenen Ziele, die aggressive Außenpolitik werden ignoriert oder kleingeredet.


Extraktion ohne Fahne

Tatsächlich bestehen dieselben interessengetriebenen, ausbeuterischen Ziele, die historisch einst den Kolonialismus trugen, heute fort. Nur die Institutionen um sie herum haben sich geändert.

Der klassische Kolonialismus brauchte Territorialherrschaft, um Rohstoffe und Arbeitskraft zu extrahieren. Der heutige Mechanismus braucht das nicht mehr. Das Wirtschaftssystem selbst – Handelsregime, Kreditvergabe, internationale Finanzinstitutionen – übernimmt diese Funktion, formal souveränitätsneutral, faktisch asymmetrisch. Heute wird kein Territorium mehr benötigt, um dieselben Ziele zu erreichen – der Zugriff verlagert sich vom Land auf das System, das es umgibt. (Nkrumah, 1965)

Der Irak liefert dafür den Lehrbuchfall. Bereits vor der Invasion 2003 arbeitete eine Planungsgruppe des Pentagons an Konzepten, wie multinationale Ölkonzerne nach einem Einmarsch bevorzugten Zugang zur irakischen Ölindustrie erhalten sollten. Das Wall Street Journal beschrieb es unverblümt: Amerikanische Ölfirmen bereiteten sich auf den Tag vor, an dem sie im (damals) ölreichsten Land der Erde Geschäfte machen könnten. Nach der Invasion warf das neu eingesetzte Regime sämtliche Vorkriegsverträge über Bord – darunter jenen mit dem russischen Konzern Lukoil für eines der größten Ölfelder des Landes. ExxonMobil war der erste westliche Nutznießer. Der Halliburton-Ableger KBR erhielt ohne Ausschreibung milliardenschwere Verträge für Betrieb und Vertrieb der irakischen Ölinfrastruktur – während der spätere Vizepräsident Dick Cheney, bis kurz zuvor Halliburton-Chef, weiterhin Zahlungen des Konzerns erhielt. Der IWF wiederum machte den Erlass eines Teils der irakischen Staatsschulden explizit von einem liberalisierten Ölgesetz abhängig. (Wall Street Journal, 16.01.2003; WOZ, 15.03.2007; WOZ, 14.02.2013; World Socialist Web Site, 08.06.2004; Bretton Woods Project, 2007)

Die World Socialist Web Site ordnete die Operation explizit als neokolonial geprägt ein: Zwei frühere hochrangige US-Beamte der Besatzungsverwaltung wechselten direkt in Berater- und Geschäftsrollen für Ölkonzerne im Irak. Der Irak ist kein Einzelfall. Ähnliche Muster – Regimewechsel zugunsten westlicher Wirtschaftsinteressen, verdeckt oder offen – finden sich in Nicaragua, Panama, Brasilien, Chile, Guatemala und dem Kongo. (World Socialist Web Site, 11.11.2009; Kinzer, 2006)

Krieg ist in dieser Lesart nicht nur geopolitisches Kalkül – er ist Strukturvorbereitung. Er zerschlägt bestehende Ordnungen, die dem freien Marktzugriff im Weg stehen, und hinterlässt Machtvakua, in die sich neue, einseitige Verträge einschreiben lassen. (Klein, 2007)

Das US-amerikanische Vorgehen ist bereits auch institutionalisiert. Auf dem NATO-Gipfel in Lissabon 2010 wurde Energiesicherheit erstmals offiziell zur Bündnisaufgabe erklärt: Die NATO soll die Fähigkeit entwickeln, kritische Energieinfrastruktur sowie Transitgebiete und -routen zu schützen – ausdrücklich auch jenseits des eigenen Bündnisgebiets. Das Strategische Konzept von 2022 bekräftigt diesen Auftrag: eine stabile und verlässliche Energieversorgung zu sichern, gehört seither zum offiziellen Kernauftrag des Bündnisses. Der Zugriff auf fremde Ressourcen ist damit kein Betriebsunfall der Weltpolitik, sondern niedergeschriebene Strategie – kein Komplott, sondern Handlungslogik. (NATO, 2010; NATO, 2022)

Der Mechanismus funktioniert aber auch ohne millitärische Eingriffe – über Schulden statt Bomben. IWF-Strukturanpassungsprogramme, die seit den 1980er Jahren insbesondere afrikanischen Staaten auferlegt wurden, folgen demselben Muster: Externe Schocks führen in Kreditabhängigkeit, Kreditabhängigkeit erzwingt Anpassungsprogramme, die primär den Schuldendienst gegenüber westlichen Gläubigerbanken sichern – nicht die eigenständige wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Auch Institutionen wie Weltbank und IWF dienen vornehmlich den reichen Nationen. (Payer, 1974; Stiglitz, 2002)

Doch auch diese Institutionen sind zur Ausbeutung nicht notwendig, weil das vom Westen dominierte Wirtschafts- und Finanzsystem bereits ausreicht. Globalisierung nützt primär den reichen Ländern, weil sich Kapital und Macht auch global akkumulieren und das koloniale Erbe hier ungleiche Vorbedingungen geschaffen hat. Diese Macht kann politisch genutzt werden. (Stiglitz, 2002) Sanktionen sind die reinste Form von Neokolonialismus ohne Territorium: keine Truppen, kein Ölvertrag, nur der Zugriff auf den globalen Zahlungsverkehr. Zwischen 1970 und 2021 sind laut einer 2025 im Lancet Global Health erschienenen Studie schätzungsweise 38 Millionen Menschen infolge überwiegend US- und EU-geführter Sanktionen gestorben – mehr als durch bewaffnete Konflikte im selben Zeitraum. (Rodríguez, Rendón & Weisbrot, The Lancet Global Health, 08.2025)

Kuba unterliegt seit 1960 dem längsten Wirtschaftsembargo der modernen Geschichte – mit dem dokumentierten Ziel, „Hunger, Verzweiflung und den Sturz der Regierung“ herbeizuführen. (Mallory-Memorandum, US State Department, 06.04.1960) Die UN-Generalversammlung verurteilt das Embargo seit 1992 jährlich – zuletzt (Oktober 2025) mit 165 gegen 7 Stimmen bei 12 Enthaltungen, nachdem die US-Regierung gezielt Druck auf bislang zustimmende Staaten ausgeübt hatte, um die traditionell nahezu einstimmige Ablehnung des Embargos aufzuweichen. Der Unterschied liegt nicht im Regimetyp, sondern in der Kooperationsbereitschaft: Wer Rohstoffe liefert, bleibt Partner. Wer sich verweigert, wird sanktioniert. (UN-Generalversammlung, jährliche Abstimmung seit 1992, UN-Generalversammlung, 29.10.2025)

Wie lange das Muster der neokolonialen wirtschaftlichen Ausbeutung besteht, zeigt nicht zuletzt Westafrika: Erst 2025 endete eine ununterbrochene französische Militärpräsenz in den ehemaligen Kolonien, die 65 Jahre nach der formalen Unabhängigkeit noch bestand – nicht durch französische Einsicht, sondern durch Putsche in mehreren Sahelstaaten und den selbstbestimmten Rückzugsbeschluss demokratisch gewählter Regierungen in Senegal und der Elfenbeinküste. Das Währungssystem CFA-Franc bindet die westafrikanischen Staaten bis heute über einen festen Wechselkurs an den Euro – eine 2019 versprochene Reform wurde mehrfach verschoben und ist bis heute nicht vollzogen; in den zentralafrikanischen CFA-Staaten müssen weiterhin 50 Prozent der Devisenreserven bei der Banque de France hinterlegt werden. (Sylla & Pigeaud, 2018)


Selbsterkenntnis und Veränderung

Carneys Eingeständnis in Davos ist bemerkenswert – aber es bleibt letztlich ein Vorfall ohne Konsequenz. Das Schild wurde als solches erkannt. Ersetzt wurde es nicht.

Die Konsequenz liegt woanders: Die westlichen Gesellschaften müssen verstehen, dass ihr Blick auf die Welt ein verzerrter ist. Solange das Wirtschaftssystem als Ausbeutungsapparat funktioniert, solange Kriege Strukturen für den nächsten Vertrag vorbereiten, solange im eigenen Land Meinungs- und Versammlungsfreiheit unter Konformitätsdruck stehen – so lange bleibt „der Westen“ ein Schild im Fenster, keine gelebte Praxis.

Krieg, Schulden, Sanktionen – drei Instrumente, ein Prinzip. Die Mechanismen dahinter erklärt „Verzerrte Wirklichkeit“.

Krieg, Schulden, Sanktionen – drei Instrumente, ein Prinzip. Die Mechanismen dahinter erklärt „Verzerrte Wirklichkeit“.